Biographien als Datenabgase-Martin Luthers Lehren und die Freiheit in Zeiten der Digitalisierung

Gastbeitrag von Dr.phil.Klaus-Rüdiger Mai

(Dieser Beitrag von mir wurde zum Reformationstag, am 31.10.2017 auf einer anderen Blogseite veröffentlicht)

Essay zu Martin Luther (500 Jahre Reformation) und der Digitalisierung, erschien

ganzseitig in der Druckausgabe der Evangelischen Sonntagszeitung

unter dem Titel: Biographien als Datenabgase

http://klausrüdigermai.de/biografien-als-datenabgase/

http://anja-heinrich.eu/image/inhalte/file/Biografien%20als%20Datenabgase.pdf

Biografien als Datenabgase?

Martin Luthers Lehren und die Freiheit in Zeiten der Digitalisierung • Von Klaus-Rüdiger Mai

Eine der großen Leistungen Martin Luthers war, das Ich im Glauben zu finden. In der Digitalisierung droht das Individuum wieder zu verschwinden.

Bei der Frage, wie mit Datenkraken wie Google oder Facebook umzugehen ist, lohnt ein Blick in die Schriften des Reformators.

Angenehm ist es, in eine Meditation über die Digitalisierung, die in eine so hyperreine Zukunft

weist, zu entschwinden, wenn man sich nicht mit der unangenehmen Gegenwart auseinanderzusetzen wünscht.

So scheint es kein Zufall, dass die Bundeskanzlerin lieber über Digitalisierung als über Fragen von Zuwanderung, über die Folgen der Energiewende oder über das Dilemma der sogenannten Griechenlandrettung sprechen möchte.

Digitalisierung klingt so schön nach Modernität, nach einem Land, in dem wir gut und gerne leben, nach dem Himmel- reich auf Erden, nach der hygienischen Existenz im Netz, nach Party ohne physische Anwesenheit, nach Freunden, die man auf der ganzen Welt hat, denen man zwar nie persönlich begegnet ist, von denen man dafür aber geliked wird.

Es klingt nach Ungebundenheit und Globalität.

Endlich hat man den alten Ballast von Herkunft, Verantwortung, Ortsgebundenheit und Familie abgeworfen.

Man muss den Nachbarn nicht mehr kennen, man benötigt kein soziales Umfeld mehr, man lebt dafür in sozialen Netzwerken.

http://exchangeleads.io/wp-content/uploads/2016/12/matrix-1735640_1920.jpg

Wenn die Bertelsmann-Stiftung jüngst die Bürger in Modernisierungsbefürworter und -skeptiker teilt, also in Digitalaffine und Digitalophobe, folgt das dem alten di- vide-et-impera-Spiel, die Bürger als Progressive oder Reaktionäre zu klassifizieren, als Menschen, die begriffen haben, woher der Wind in Zukunft pfeift, oder als arme Toren, die belehrt und mitgenommen wer- den müssen, ob sie wollen oder nicht.

Der Vergleich der beiden Revolutionen

Buchdruck und Digitalisierung hinkt

Als Martin Luther 1517 seine Ablassthesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg anschlagen ließ, hatte gerade eine Medienrevolution stattgefunden, und neue Kommunikationsbedingungen und -möglichkeiten entwickelten sich.

Die Erfindung des Buchdrucks schuf eine mediale Öffentlichkeit, die größere Schichten der Bevölkerung in die Diskussion der wichtigen Fragen der Zeit einbezog und die Luther meisterhaft zu nutzen verstand.

Gern wird diese analoge Revolution mit dem gegenwärtigen digitalen Umbruch verglichen.

Doch der Vergleich hinkt.

Stand die Revolution des Buchdrucks nämlich im Dienst des Menschen und wurde der Buchdruck zum Mittel des Autors, so scheint der Mensch nun Mittel der Digitalisierung zu werden.

Natürlich kann man nicht einfach aus einer gesellschaftlichen Entwicklung aussteigen. Nur sind menschliche Gesellschaften eben nicht der Ort von naturwissenschaftlicher Zwangsläufigkeit.

Es ist nicht die Frage, ob man Grenzen schließen kann, sondern ob man das will.

Nichts in der Gesellschaft ist alternativlos, auch nicht Facebook, auch nicht Google, schon gar nicht eine be- stimmte Form der Digitalisierung. Nicht einmal die sogenannte Globalisierung.

Im Gegenteil, das Internet muss nicht Medium der Globalisierung sein, sondern kann auch eine moderne Regionalisierung ermöglichen. Es ist ein Mittel, nicht das Ziel.

Der Mensch ist nicht für die Digitalisierung da, sondern die Digitalisierung für den Menschen. Sie muss von der Freiheit des Menschen ausgehen, nicht von seiner Verwertbarkeit.

Vor 500 Jahren machte Luther eine folgenreiche Entdeckung.

Mit dem Ich im Glauben fand der Reformator das Individuum, den Bürger, die Grundlage unserer modernen Gesellschaft.

Doch dieses Individuum benötigt Bodenhaftung, Werte, die ihm Orientierung bieten und die Grundlage für eine Gemeinschaft bilden, für eine Ordnung. Für Luther kam es auf den Menschen an, den er als Gottes Ebenbild sah.

Nicht Menschen dürfen Macht über Menschen ausüben, nur Gott allein. Luther zeigt uns das Geschenk, das Gott uns macht, nämlich die Freiheit.

Doch nutzten wir diese Freiheit oder verspielen wir sie für Tand? Weshalb stellen wir intime Daten freiwillig zur Verfügung, mit denen Konzerne große Gewinne generieren? Für diese Firmen ist der Mensch, was für ein Erdölkonzern das Erdöl ist – der lukrative Rohstoff. Selbst die kleinsten Aktivitäten von Menschen im Internet – »Datenabgase« genannt – machen sich für diese Firmen bezahlt. Diese Datenabgase ermöglichen Big Data, die Sammlung von Daten, um Denk-, Bewegungs-, Gefühls-, Angst- und Hoffnungsprofile von jedem Menschen zu erstellen, um ihn manipulieren zu können.

Orwells 1984 ist gegen unser 2017 eine freundliche, fast wünschenswerte Utopie vergangener Tage.

Diese Form der Digitalisierung macht den Menschen zum Datenschürfplatz und zum manipulierbaren Konsum- und Schuldsklaven.

Das von Luther im 16. Jahrhundert entdeckte Individuum scheint zu Beginn des 21. Jahrhunderts als Datenabgas zu verpuffen.

Diese Entwicklung scheint der Vorstellung der Bundeskanzlerin zu entsprechen, das hat sie in einem Plädoyer für die weitere Aufweichung der Datenschutzregeln angedeutet:

»Unser Verhältnis zu Daten ist in vielen Fällen zu stark vom Schutzgedanken geprägt und vielleicht noch nicht ausreichend von dem Gedanken, dass man mit Hilfe von Daten interessante Produkte entwickeln kann.«

Die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin

Shoshana Zuboff warnt hingegen zu Recht vor dem Überwachungskapitalismus. In einer alter- nativlosen, in jeder Hinsicht entgrenzten Welt, in der Individuen nichts mehr gelten, ist die Auslieferung von Biografien als Rohstoffe und Materialien für interessante Produkte nur folgerichtig.

Es ist doch ein Paradoxon, dass ausgerechnet soziale Medien sich in der Hand eines Monopolisten befinden. Denkt man wie Luther vom Menschen aus, dann ergibt sich daraus die Forderung, dass die sozialen Medien wirklich sozial werden, indem man sie entmonopolisiert.

Was wir benötigen, ist ein deutsches oder zumindest europäisches Facebook und Google.

Sowohl die Tschechen als auch die Russen haben funktionstüchtige Suchmaschinen entwickelt, die den Daten- riesen Google außen vor lassen.

Es geht, wenn man es will.

Darin besteht das Prinzip Freiheit.

Alternativen lassen sich immer denken und realisieren, denn wie schrieb Martin Luther doch: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemanden Untertan. Wie nun Christus die erste Geburt mit ihrer Ehre und Würdigkeit hat, so teilt er sie mit allen seinen

Christen, dass sie durch den Glauben auch alle Könige und Priester mit Christus sein müssen, wie Petrus sagt: Ihr seid ein aus- gewähltes Geschlecht, das königliche Priestertum.«

Klaus-Rüdiger Mai

Lesetipp von mir zu Klaus-Rüdiger Mai:

https://books.google.de/books/about/Geh%C3%B6rt_Luther_zu_Deutschland.html?id=y6xTjwEACAAJ&source=kp_cover&redir_esc=y

 

http://klausrüdigermai.de/nacht-ueber-der-alhambra-historischer-roman/

Euer Matze Lentzsch

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